Ich möchte mich heute mit dieser Frage beschäftigen, weil sie mir in letzter Zeit häufig gestellt wurde. Meine erste Antwort ist oft: „Ich kann es nicht wirklich in Worte fassen, weil es weniger eine Frage des Verstandes ist als etwas, das sich vor allem durch Erfahrung erschließt.“
Zum Beispiel bin ich gerade von einer Woche zurückgekehrt, in der ich an einem EU-Projekt (ReTour) gearbeitet habe, bei dem Tourismusorganisationen in sechs Regionen regenerative Erlebnisse entwickeln. Wir haben fünf dieser Angebote erlebt und getestet – und alle haben mich tief berührt. Nicht nur, weil sie das Nachhaltigkeitsdreieck (ökologisch, ökonomisch, sozial) adressieren und optimieren, sondern vor allem weil ich Menschen begegnet bin, die die Geschichte ihrer Region bewusst neu interpretieren. Menschen, die sich fragen, was ihre Region gerade wirklich braucht – und wie sie dazu beitragen können, ihre einzigartigen Qualitäten wieder erlebbar zu machen.
Das sind Menschen wie Aleksandra und Mariusz Ronewicz, die den ersten offiziell registrierten Weinberg innerhalb der Stadtgrenzen von Stettin gegründet haben und ihn nun zu einem regenerativen Tourismusprojekt entwickeln. Ihre Vision verbindet die Wiederbelebung historischer Weintraditionen – die Region war bereits im Mittelalter ein Weinanbaugebiet – mit der Revitalisierung eines lange vernachlässigten Stadtteils.

Zum Anwesen gehört eine Villa aus den 1940er-Jahren, die ursprünglich dem Stadtplaner Hans Reichow gehörte. Das Paar hat die Geschichte des Gebäudes und der Familie Reichow sorgfältig erforscht und restauriert die Villa nun in ihrem ursprünglichen modernistischen Stil. So entsteht ein lebendiger Ort (Weinberg und Villa) mit Ausstrahlung für die gesamte Region – für Einheimische ebenso wie für Gäste.
Nachhaltigkeits-Indikatoren versus regeneratives Wirkprinzip
Natürlich lässt sich dieses Projekt mit klassischen Nachhaltigkeitsindikatoren beschreiben: steigende Biodiversität, verbesserte Bodenqualität oder zusätzliche lokale Wertschöpfung. Doch wenn man es erlebt, wird deutlich, dass das allein zu kurz greift. Entscheidend ist die Haltung, aus der es heraus entsteht. Es erzeugt Wirkungen, die sich nicht direkt messen lassen: Nachbarn werden neugierig, Menschen fühlen sich inspiriert, Perspektiven beginnen sich zu verändern. Es geht nicht in erster Linie darum, ob Besucherzahlen oder Umsätze steigen, sondern ob jeder Besuch einen Ort ein Stück lebendiger hinterlässt. Genau darin liegt der eigentliche Perspektivwechsel.
Übrigens ist dies nur eines von 4 Erlebnissen, die in der Region Stettin von Anna Gardzinska und Anna Janicka von der lokalen DMO (West Pomeranian Regional Tourist Organization) gemeinsam mit den lokalen Experten Hubert Gonera und Tomasz Duda regenerativ entwickelt werden. Auch die anderen drei sind Erlebnisse mit einem Weingut, denn für jede Saison (Sommer, Herbst, Winter und Frühling) entwickelt und testet jeweils ein Weingut ein Erlebnis, dass dann alle Weingüter ganzjährig nutzen können. Auch diese zeigt den zyklischen und kokreativen Spirit dieses Projektes.

Ich möchte eine zweite Geschichte aus dieser Woche teilen, weil es genau diese konkreten Erfahrungen sind, die den Unterschied zwischen nachhaltigem und regenerativem Tourismus greifbar machen.
Die Waldnacht als regeneratives Erlebnispaket
Es ist die Geschichte von Alexandra und Michael Heck, die 2016 nach einer 30-jährigen Karriere im Bankwesen das Ostseecamping Peenemünde übernommen haben. Im Rahmen des EU-ReTour-Projekts haben sie gemeinsam mit anderen lokalen Akteuren das Angebot „Waldnacht“ entwickelt – ein Familienangebot, bei dem Eltern und Kinder einen nächtlichen Spaziergang durch den Wald erleben und optional in Baumzelten auf dem Campingplatz übernachten können. Sie kochen gemeinsam, und Praktiken wie Waldbaden werden wirklich erfahrbar. Dieses Erlebnis wurde gemeinsam vom Institut für Tourismusforschung in Nordeuropa (NIT), der MV Tourismus GmbH sowie dem Campingplatz und anderen lokalen Akteur:innen entwickelt.
Ausgangspunkt war ein gemeinsamer Dialog mit lokalen Akteuren auf der Insel Usedom über die Herausforderungen der Region, den meine Kollegin Nicole Cogiel und ich moderieren durften. Eine Herausforderung war der mangelnde Respekt vieler Gäste gegenüber der Natur – und die daraus entstehenden Belastungen, der sich auch in der Tourismuskazeptanz-Studie des Tourismusverbandes wider spiegelte. Ein klassischer nachhaltiger Ansatz hätte sich möglicherweise darauf konzentriert, Regeln zu kommunizieren: auf den Wegen bleiben, keinen Müll hinterlassen, Rücksicht nehmen. Der regenerative Ansatz wählt einen anderen Weg. Er setzt auf Erfahrung und Beziehung.
Wir haben den Wald mit geschlossenen Augen erlebt: das Gefühl von feuchtem Moos, die raue Rinde eines Baumes, der Duft des Waldbodens. Es geht hier nicht um Wissensvermittlung – es geht um das Entwickeln von Empathie. Der Wald wird nicht als Kulisse wahrgenommen, sondern als lebendiges Gegenüber. Die daraus entstehende Verhaltensänderung kommt nicht durch Anweisungen, sondern durch eine neue Haltung – eine, die weit über diese eine Nacht hinaus wirkt. Sie stärkt die Beziehung zwischen Mensch und Natur, die vielerorts verloren gegangen ist.

Regeneration ist nicht die Weiterentwicklung von Nachhaltigkeit sondern eine neue Haltung
Für mich zeigen diese beiden Geschichten sehr deutlich den Unterschied. Regenerativer Tourismus ist nicht einfach die nächste Stufe des nachhaltigen Tourismus, wie es oft beschrieben wird – er ist eine andere Haltung. Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Konzept, um Entwicklungen messbar zu machen und zukunftsfähiger zu wirtschaften. Doch meiner Erfahrung nach spricht sie vor allem den Verstand an, während Regeneration die emotionale Erfahrung stärker berührt.
Für mich ist Regeneration eine Grundhaltung. Aus dieser Perspektive gewinnen auch klassische Nachhaltigkeitsmaßnahmen an Kraft, weil sie emotional verankert sind. Wirkliche Veränderung entsteht dort, wo Menschen eine innere Verbindung spüren. Unsere Gedanken und Gefühle prägen unser Handeln – und dieses Handeln wiederum gestaltet die Welt.
Was sind die aktuellen Herausforderungen im Tourismus – wie kann Regeneration helfen
Im Moment beobachte ich, dass viele Tourismusverantwortliche versuchen, ihre Organisationen weiter zu optimieren. Das entspricht der Art und Weise, wie wir gelernt haben zu denken. Gleichzeitig nehmen äußere Herausforderungen zu – etwa der Klimawandel oder der rasante technologische Wandel. Unsere intuitive Reaktion ist oft, mit noch besseren Lösungen zu antworten.
Regeneration eröffnet eine andere Perspektive. Sie denkt systemisch und sucht nach Beziehungen und Potenzialen, anstatt nur isolierte Probleme zu lösen. Es geht weniger darum, schnelle Antworten zu finden, sondern darum, tiefer zuzuhören – und daraus neue Wege entstehen zu lassen.
Zuhören wird damit zu einer zentralen regenerativen Fähigkeit. Wir treten in echten Dialog mit allen, die Teil unseres Systems sind – mit Menschen, Orten und ihren Verbindungen. Dadurch erweitern wir unsere Perspektiven und schaffen die Grundlage für Neues. Das Gegenteil davon ist die Diskussion, in der wir versuchen, andere von unserer Sichtweise zu überzeugen und oft beim Bekannten verharren.
Im Kern sind die beiden Geschichten vom Anfang genau deshalb regenerativ, weil sie aus einem solchen Zuhören heraus entstanden sind.
Die Frage, die mich am meisten bewegt, ist, welches Potenzial Tourismus hat, unsere Zukunft positiv zu gestalten – für Gastgeber, Gäste und die Natur gleichermaßen. Die Beispiele, die ich derzeit erlebe und mitgestalte, geben mir Hoffnung und sind eine starke Quelle der Motivation. Sie zeigen, dass eine Form des Tourismus möglich ist, die nicht nur weniger Schaden verursacht, sondern aktiv dazu beiträgt, Orte lebendiger zu machen.
Die beiden Geschichten vom Anfang sind im Kern genau deshalb regenerativ, weil sie aus dieser Art des Zuhörens entstanden sind. Und Zuhören war auch ein zentrales Thema dieses Treffens im Rahmen unseres EU-Projekts. Derzeit entwickeln wir solche neuen touristischen Produkte in fünf EU-Ländern (Schweden, Dänemark, Litauen, Polen und Deutschland) und haben uns diesmal in Stettin und auf Usedom getroffen, um diese neuen Erlebnisse gemeinsam zu testen und weiterzuentwickeln.

Alle Produkte basieren auf fünf regenerativen Prinzipien, die für uns nicht in Stein gemeißelt sind, sondern sich – genau wie unsere Haltung – weiterentwickeln können:
• Community: Übernimmt die Gemeinschaft eine führende Rolle oder gestaltet sie das Erlebnis aktiv mit, statt nur „beteiligt“ zu sein?
• Partnerschaft: Arbeiten mindestens zwei lokale Partner aktiv bei der Umsetzung des Angebots zusammen?
• Tragfähigkeit: Respektiert das Erlebnis die ökologischen und sozialen Grenzen des Ortes?
• Positive Wertschöpfung: Entsteht mindestens ein neuer konkreter Mehrwert für den Ort (sozial, ökologisch oder wirtschaftlich)?
• Gegenseitiges Vertrauen: Fördert die Interaktion echte Selbstbestimmung für Gastgeber und stärkt das gegenseitige Vertrauen?
Meine Rolle im Projekt – was mich besonders beeindruckt
Meine persönliche Rolle in diesem Projekt ist die eines „Regenerations-Coaches“ – so würde ich es in meinen eigenen Worten beschreiben. Ich unterstütze und begleite den Lead-Partner Visit Skåne in meiner Rolle als Quality Lead Service dabei, diese neuen regenerativen Prinzipien sinnvoll anzuwenden, sodass das Projekt und alle Beteiligten diese neue Haltung entwickeln können. Alle sechs Monate führe ich Interviews mit den verantwortlichen Vertreterinnen und Vertretern der sechs beteiligten regionalen Organisationen (DMOs), denn ein Haltungswandel zeigt sich zunächst qualitativ, bevor er sich in messbaren Ergebnissen widerspiegelt.
Schon jetzt bin ich beeindruckt, wie sehr diese neue Haltung Dinge verändert – nicht nur die Art und Weise, wie diese Regionen Produkte entwickeln. Das ist ein weiterer spannender Effekt des Projekts und eines regenerativen Ansatzes, denn im Kern stellt er auch die Rolle von Tourismusregionen (DMOs) infrage. Während in vielen deutschen Regionen, mit denen ich derzeit arbeite, die Verbindung zu lokalen touristischen Akteuren wie Hotels schwächer wird, sehen wir hier den gegenteiligen Trend. Enge Zusammenarbeit und Co-Creation neuer Produkte führen zu einer völlig neuen Form der Kooperation und Nähe. Das stärkt die Resilienz und schafft ein neues Maß an Vertrauen, dass Herausforderungen jeglicher Art gemeinsam bewältigt werden können.
Die Frage, die mich am meisten bewegt, ist das Potenzial des Tourismus, unsere Zukunft positiv zu gestalten – zum Nutzen aller Beteiligten: Gastgeber, Gäste und Natur. Die Beispiele, die ich in diesem Projekt erlebe und mitgestalte, geben mir Hoffnung und sind eine starke Quelle der Motivation. Sie zeigen, dass eine Form des Tourismus möglich ist, die nicht nur weniger Schaden verursacht, sondern aktiv dazu beiträgt, Orte, Tourismusorganisationen und Akteure lebendiger zu machen.
Tourismusorganisationen, die Teil dieses EU ReTour Projektes sind:
- Visit Skåne
- Visit Lolland-Falster
- Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa GmbH
- MV Tourismus GmbH
- West Pomeranian Regional Tourist Organization
- Pomorskie Tourist Board
- Association “Klaipėda Region”
Wenn Du mehr über einen regenerativen Tourismus erfahren möchtest, schau Dir gerne unser neues Seminar dazu an.

